Der Weg (Matthias Moch)
Über der Stadt lag der Staub des Sommers. Unerbittlich schien die Sonne und erhitzte den Asphalt und die Kalksteine, aus denen die Bewohner ihre Häuser gebaut hatten.
Es war Mittag- die Sonne stand im Zenit und kaum einer ließ sich auf der Straße blicken. Die meisten blieben in ihren Häusern und warteten auf das Ende der Mittagshitze.
Hin und wieder konnte man Lastwagen voll Soldaten über die Hauptstraße fahren sehen, dabei wurde der trockene Straßenstaub aufgewirbelt und in die Vorgärten und Veranden der Kalksteinhäuser getragen, wo einige Einwohner vor der stechenden Mittagssonne Schutz suchten.
Kinderstimmen erfüllten die Nachbarschaft der Hauptstraße. Zwischen Teppichstangen und Wäscheleinen spielten fünf Jungen Fußball, schimpften und johlten wenn Tore fielen.
Einzig die kaum hörbaren Gewehrschüsse und das Trommeln der Maschinengewehre in weiter Ferne, entlarvten die Idylle als scheinbar.
Keiner der Jungen achtete mehr darauf- schon Tage und Wochen, ja Monate wurden sie von diese Geräuschen begleitet. Nichts davon schien ihnen noch ungewöhnlich .
Einer der Jungen schoss ein Tor. Das Geschrei der Jungen war zu laut- so laut, dass die Jungen den schrillen Pfeifton nicht hörten.
Noch kurz bevor die Bombe einschlug wurde es still.
Es schien als stünde die Zeit, als würden die Uhren des Ortes zum Gedenken an
die unschuldig sterbenden eine Sekunde innehalten.
Als die Fliegerbombe einschlug, riss sie einen fünf Meter breiten und zwei Meter tiefen Krater in den Boden.
Kurz nachdem die Explosion der Bombe zu hören war, warf die Detonationswelle alle umstehenden Häuser um und begrub deren Bewohner unter Steinen und Holzbalken.
Rauch, Staub und Asche zogen in Schwaden über die Straße. Der aufkommende Sommerwind, der von der Küste ins Landesinnere blies, ließ das Gesicht eines Jungen zwischen den Wolken aus Rauch und Staub erscheinen.
Tränen liefen ihm über die Wangen und gruben Bahnen sichtbarer Haut in das von Dreck verschmierte Gesicht.
Seine Augen blickten traurig und ernst auf die Ruinen seines Elternhauses.
Stumm weinend lief er Richtung der Reste des Gebäudes, das bis vor kurzem noch seine Welt war.
So viel Gewalt hatte sein Leben ein für allem Mal verändert- kein Stein mehr auf dem anderen gelassen-Was geblieben war, lag ausgebreitet vor ihm.
Wo sollte er hin?
Was sollte er tun?
Er lief bis er in dem Trümmerfeld seines Familienhauses stand und sich umsah.
Wo waren sie?
Wo waren seine Eltern?
zwischen den Trümmern, den Resten der Mauern, die sein Leben waren, fing er an zu wühlen, zu graben, warf Steine zur Seite.
Immer noch liefen ihm Tränen über die Wangen. Er arbeitete schnell und verzweifelt. Zu den Tränen mischte sich der Schweiß der körperlichen Arbeit. Nach einigen Minuten schneller und schwerer Arbeit, sah er blauen Stoff durch den Dreck am Boden scheinen und sein Herz tat einen Sprung, denn er erkannte sofort den Stoff des Kleides, das seine Mutter heute getragen hatte. Nach einigen weiteren Minuten hatte er den Körper freigelegt.
Sie lag mit dem Gesicht nach unten.
Was er von der Haut des Gesichtes sah, war mit Blut bedeckt. Das Blut lief ihr über die Wangen und tränkte den Boden. Keine Regung kam von ihr, kein Atemzug war sichtbar. Er schüttelte sie, versuchte sie zu wecken- es kam ihm vor, als müßte sie doch schlafen.
Sie wachte nicht wieder auf, sondern blieb regungslos liegen.
Er stand auf, um sich auf die Suche nach seinem Vater zu machen und entdeckte beim Aufstehen, dass ein weißer Zettel durch die Finger der rechten Hand seiner Mutter schien.
Er zog ihr das zerknüllte Papier aus der Hand. Grob skizziert befand sich auf der einen Seite des Zettels ein Plan, eine Karte.Der Verlauf der Hauptstraße war erkennbar und er schloss daraus, dass das eine Kreuz wohl seinen Standpunkt angab. Es gab allerdings noch ein weiteres, über dessen Standpunkt er sich nicht sicher war.Bevor er jedoch los konnte, mußte er auf die Suche nach seinem Vater gehen. Im Umkreis seiner Mutter fand er ihn nicht, erst als er sich weiter entfernte, fand er ihn unter Geröll liegend- ein Dachbalken hatte ihm das Rückgrat zerschlagen.
Keine Bewegung.
Kein Puls.
Kein Lebenszeichen.
Also ging er los; der Linie nach die zu dem Kreuz auf dem Plan führte, links der Straße auf einem Feldweg, sich von dem Bombenkrater entfernend, das zerstörte Elternhaus hinter sich lassend.
Ein unsichtbares Band schien ihn an dem Haus festzuhalten, ihn an den Mittelpunkt seines Lebens zu binden. Mit jedem Schritt wurde es wie ein Gummiband länger und länger gezogen, bis es schließlich riss.
Als er den letzten Schritt tat, bevor das Band zu reißen schien, wurde ihm klarer als zuvor, wie alleine er war. Alles was ihm blieb war dieser Zettel mit ein paar Bleistiftlinien. Er wollte nicht weiter, wollte aufgeben, hatte genug.
Er blieb stehen und fing an zu weinen.
Verzweifelt.
Alleine.
Er viel in den Dreck und weinte bitterlich, schlug mit den Fäusten auf den Boden, wollte nicht wahrhaben, was geschehen war.
Wie lange er dort lag und weinte, wußte er nicht, es schien ihm eine Ewigkeit zu dauern, bis endlich keine Tränen mehr waren, die er weinen konnte.
Die Stiefel der sich nähernden Soldaten ließen den Boden in kleinen Wellen erbeben und brachten die Geräusche ihres Näherkommens an die Ohren des Jungen, der am Boden lag.
Der nicht aufstehen wollte. Der genau wußte, dass es gefährlich war liegen zu bleiben, der dennoch liegen blieb.
„Steh auf, du scheiß Moslem!“
Die raue Stimme eines Soldaten ließ ihn aufhören.
„Steh auf!“
Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, als einer der Soldaten ihm in die Seite trat.
Ein Hand packte ihn am Kragen und zog ihn auf seine Füße.
Als er die Augen aufmachte, blickte er in die wütenden Augen eines Soldaten- der wiederum, blickte in die Augen des Jungen und sah nichts als Leere und Trauer.
„Nur ein dummer Bauernjunge.“, sagte er und ließ ihn wieder in den Dreck fallen.
Die schweren Stiefel der Soldaten entfernten sich von ihm.
Er stand langsam auf. Wenn diese Karte alles war,
was er noch besaß, dann wollte er wissen, was sie ihm zeigte.
Es war nicht mehr weit, die Straße machte einen Knick und bog in die Weinberge und ein kleines Stück den Berg nach oben, dort musste es sein.
Sein Blick fiel auf eine Kiste, von dunklem Holz, die unter einem Stein lag. Die Ecken waren zu sehen.
Mit Mühe hob er den Stein und brachte die unscheinbare Kiste hervor. Sie war verschlossen- er benötigte einige Zeit, um das Vorhängeschloss zu öffnen. Schließlich schlug er es mit einem Stein entzwei und öffnete mit Mühe die kleine Truhe, die Schaniere waren verrostet und schwergängig.
In der Truhe befand sich nicht viel.
Ein Füllfederhalter, ein Tintenfass und sieben leere Blätter- dies war alles was er noch hatte.
Er setzte sich auf einen Stein und begann zu schreiben.